{"guid":"11ce8d49-1aa7-43da-8c4d-92af1a3711c5","title":"Vision Weiße Ware","subtitle":"Von der unreparierbaren Black-Box zur transparenten White-Box","slug":"bub2018-174-vision_weisse_ware","link":"https://fahrplan.bits-und-baeume.org/events/174.html","description":"Das Thema Nachhaltigkeit wird bei elektrischen/elektronischen\nProdukten auf verschiedenste Weise umgesetzt, vom Smartphone\n(Fairphone) zur LED Lampe (relumity). Beim Haushaltsgeräten, auch\nweiße Ware genannt, fehlt noch ein Initiative, die diese Geräteklasse\nvon Grund auf nachhaltig denkt. Dieser Vortrag soll mit einer\nkonkreten Vision einen Denkanstoß bzw. Reibungspunkt geben, wie ein\nÖkosystem um weiße Ware entstehen könnte, mit den Hauptmerkmalen\nTransparenz und Reparierbarkeit. Unter Transparenz versteht sich zum\nBeispiel, dass alle Entwicklungschritte einsehbar sind, die weiße Ware\nist nicht länger eine Black-Box, wird zur White-Box. Unter\nReparierbarkeit versteht sich zum Beispiel, dass Produkte modular\naufgebaut und umfassend dokumentiert sind. Aufbauend auf diesen\nPrinzipien kann eine offene Plattform entstehen, an die sich\nverschieden Stakeholder andocken können, wie Reparaturdienstleister\nund Ersatzteilehersteller. Der Anspruch ist dabei deń DIY-affinen\nEndkunde zu erreichen, ebenso aber auch den technikfernen aber\nnachhaltigkeitsorientierten Endkunden.\n\n* Weiße Ware\nHaushaltsgeräte, vom Nasenrasierer bis zur Gefriertruhe, -- im\nEinzelhandel auch weiße Ware genannt -- werden in riesigen Stückzahlen sowohl von Billiganbietern als auch Markenherstellern produziert.\nDieser Beitrag hat weiße Ware zum Thema, wobei darin vieles auch\nallgemeingültiger sein mag. Die besonderen Charakteristika von weißer\nWare rechtfertigen es aber sich damit gezielt auseinander zu\nsetzen. Nach dem Wissen des Autors gibt es erstaunlich wenige\n(Denk-)Ansätze wie den im folgenden Beitrag beschriebenen. Relativ\nnahe kommt das Global Village Construction Set (GVCS), wobei dort der\nSchwertpunkt deutlich auf dem DIY-Gedanken, also einer Bastel-affine\nCommunity, und schweren Gerätschaften zu liegen scheint.\n\nWeiße Ware ist stark mechatronisch geprägt (im Gegensatz zu\nElektronikprodukten), das heißt ein Gerät besteht typischerweise aus:\n- mechanischen Komponenten.\n- elektronischen Komponenten, die die mechanischen Komponenten steuern\n  (Aktor), wobei auch Sensoren Feedback zur Steuerung geben können.\n- Software, die sich auf einem Mikrochip bzw. System on a Chip (SoC)\n  befindet (Firmware).\nDazu kann im Zeitalter des \"Internet der Dinge\" noch Software (auf\neinem Smartphone) kommen, die mit dem mechatronischen Gerät\ninteragiert.\n\nObwohl weiße Ware ein Massenprodukt ist, sollte die Komplexität der\nEntwicklung nicht unterschätzt werden. Ein einfacher Toaster hat\nElektrik mit Wechselstrom, Elektronik zur Umwandlung in Gleichstrom\nund proprietäre Mikrochips. Der kanadische Künstler Todd McLellan\nzerlegt und photographiert technische Objekte. Sein \"1970's Sunbeam\nToaster\" besteht aus 151 Teilen. Ein anders gelagertes (Kunst-)Projekt\nvon Thomas Thwaites hat sich bemüht einen Toaster von Null auf zu\nerschaffen, beginnend mit der Rohstoffbeschaffung. Thwaites kaufte\nsich den billigsten Toaster den er finden konnte um den Aufbau zu\nverstehen. In seinem TED-Talk berichtet er, dass dieser Toaster aus\nüber 400 verschiedenen Teilen besteht -- und diese Teile haben über\n100 Materialien [[http://www.thomasthwaites.com/the-toaster-project/][(Thwaites]]).\n\n\n* Probleme mit der Weißen Ware\n\nGroße kommerzielle Hersteller gleichen sich in ihren Produktions-\nbzw. Markstrategien. Ein Primärziel ist immer möglichst billig zu\nproduzieren -- und dabei Sekundärziele gerade noch zu erreichen\n(\"satisficing\" Strategie). Da dieser (Markt-)Optimierung alles andere\nunterworfen ist ergeben sich -- mehr oder weniger gewollt\nbzw. ungewollt -- als Folge:\n\n- Geringe Reparierbarkeit: Ein Entwurf der sich auf billige\n  Herstellung konzentriert, ist zwangsläufig schlechter\n  reparierbar. Manche Produkte sind durch unlösbare Verbindungen so\n  entworfen und gebaut, dass sie nicht mehr zerstörungsfrei\n  auseinandergenommen werden können (z.B. durch Verschweißen oder\n  Verklemmen). Andere Produkte setzen (proprietäre) Spezialteile ein\n  (die billiger sind durch große Stückzahlen) anstatt etablierte\n  Standardbauteile (die relativ leicht von verschiedenen Herstellern\n  durch den Endkunden bezogen werden können).\n  Produktzyklen sind darauf ausgerichtet \"Innovationen\" schneller als\n  andere auf den Markt und somit zum Endkunden zu bringen. Lange\n  Reparierbarkeit bedeutet für den Hersteller unerwünschte\n  Zusatzkosten da eine lange Historie von Produkten abgedeckt werden\n  muss. So ist es selbst bei sehr langlebigen Produkten wie Aufzügen\n  nach wenigen Jahren problematisch Ersatzteile wie Steuerungsplatinen\n  zu bekommen.\n\n- Intransparent: Um einen (gefühlten) \"Wettbewerbsvorteil\" zu erlangen\n  agieren Hersteller intransparent indem sie dem Kunden und anderen\n  Externen auf der einen Seite keine oder wenig Informationen zur\n  Verfügung stellen (\"trade secret\" Strategie) und auf der anderen\n  Seite Informationen vor der Verwertung andere durch Patente und\n  Urheberrecht schützen.\n  Als Resultat ist die Weiße Ware eine Black-Box (oder Grey-Box),\n  aber keine White-Box. Kurzum, Zeichen von Transparenz sind\n  Schlagworte wie \"closed source\" (versus Open Source), NDA, IP, usw.\n  Durch Intransparenz wird die oben beschriebene geringe\n  Reparierbarkeit weiter beeinträchtigt, da zum Beispiel die Diagnose\n  durch fehlende Stromlaufpläne erschwert wird, und proprietäre\n  Ersatzteile nicht verfügbar sind.\n\nEin Gegenentwurf zur weißen Ware wie wir sie heute kennen muss also\nmindestens darin bestehen Produkte auf den Markt zu bringen die sowohl\nmit dem Primärziel Reparierbarkeit als auch Transparenz ausgestattet\nsind.\n\nEin Hersteller von Haushaltsgeräten möchte sein Produkt am liebsten in\ndie Hände des Kunden bekommen und danach möglichst wenig weiter damit\nzu tun haben. Diese Sichtweise ist insofern verständlich, als viele\nKunden beim Gerätekauf auch nicht weiter als der Hersteller denken. Im\nWeiterdenken dieser Sichtweise hin zu einer erweiterten\nKundenbeziehung würde sich eine riesige Chance für den Hersteller\nbieten. (Im weiteren wird ein Ansatz beschrieben der neben Hersteller\nund Kunde weitere Stakeholder mit einbezieht.)\n\nEin charakteristisches Beispiel für die fehlende Nachhaltigkeit von\nHaushaltsgeräten ist die Sonicare Elektrozahnbürste von Philips. Trotz\neiner großen Produktauswahl innerhalb der Sonicare Familie gehen diese\nZahnbürsten typischerweise an 3 (Sollbruch-)Stellen kaputt: (1) der\nAkku ist verlötet und für den normalen Verbraucher nicht ersetzbar,\n(2) ein mechanischer Defekt lässt die Bürste zu stark vibrieren und\n(3) eine dünne Gummidichtung wird porös, wodurch dann Wasser\neindringt und die Elektronik zerstört. Diese Probleme sind im Internet\ndurch Benutzer und Reparaturanleitung gut dokumentiert. Philips\nergreift dagegen keine Maßnahmen. Die Reparierbarkeit wir dadurch\nweiter eingeschränkt, dass es vom Hersteller nicht gewollte ist, dass\ndie Zahnbürste zerstörungsfrei geöffnet werden kann.\n\nAndererseits, gibt es sicher auch Herstellerbestrebungen in Richtung\nNachhaltigkeit. Tefal hat ein (Werbe-)Programm gestartet, das Produkte\nkennzeichnet die \"bis zu 10 Jahre lang\" repariert werden können\n[[https://www.tefal.de/reparierbarkeit][(Tefal)]]. Laut dem Hersteller werden \"Produkte [...] dafür konzipiert\nleichter repariert, zerlegt und wieder zusammengebaut\" werden zu\nkönnen. In der Kategorie \"Toaster\" sind immerhin 3 von 6 Produkten\nentsprechend als reparierbar gekennzeichnet.  Tefal arbeitet mit einem\ngroßen Ersatzteillager und 3D-Druck, wobei letzteres in einem noch\neher frühen Stadium zu sein scheint.\n\nDie Rating-Agentur Oekom hat für 2017 eine Branchen-Bewertung\nveröffentlicht bei denen die durchschnittliche Bewertung für \"Electric\nDevices \u0026 Appliances\" bei 32,6 von 100 möglichen Punkten lag. (Zum\nVergleich, \"Metals \u0026 Mining\" hat 29,7 Punkte und die beste Bewertung\nmit 46,5 \"Automobile\".) Die besten Unternehmen der Elektro-Branche\nsind Ericsson (B-), Philips (C+) und Toshiba (C+). Es gibt hier also\nsicher noch Luft nach oben (wie in allen anderen Branchen allerdings\nauch).\n\n\n* Die Welt nicht von hinten aufzäumen\n\nDie Repair-Bewegung (mit Repair-Cafes und Online-Angeboten wie Ifixit,\nkaputt.de und Restarters Wiki) setzt dort an, wo das \"falsche\" Produkt\nden Endkunden schon erreicht hat. Dann kommt ein Reparierversuch durch\nreverse engineering bzw. de-blackboxing, der leider oft dem Kampf\ngegen Windmühlen gleicht. Der Zusammenschluss Runder Tisch Reparatur\nmöchte die \"Windmühlen\" reparierbarer machen. Initiativen wie die\nRepair-Bewegung und Runder Tisch Reparatur (Recht auf Reparatur)\nversuchen also die existierenden Strukturen zu hacken bzw. zu\nverändern. Dieser Beitag konzentriert sich hingegen darauf, wie eine\nalternative Struktur geschaffen werden könnte.\n\nAuf strukturelle und (ordnungs-)politische Faktoren wird im folgenden\nnicht näher eingegangen. Die Grundannahme dieses Beitrags ist, dass\nsich in diesen Bereichen absehbar keine nennenswerten Verbesserungen\nergeben werden und dass daher ein Lösungsansatz gefunden werden muss,\nder im aktuellen Umfeld bestehen kann.\n\nBeispiele wünschenswerter Faktoren mit denen dieser Beitrag nicht\nrechnet wären\n- Steuern: Keine/geringere Lohnsteuer und Umsatzsteuer auf Reparaturen\n  um diese zu intensivieren und incentivieren.\n- Transparenz: Pflicht zur Veröffentlichung von Daten durch die\n  Hersteller über Schäden und Reparaturen von Geräten während und nach\n  der Garantiezeit.\n- Regulatorik: Verpflichtung der Hersteller auf Ersatzteillieferung\n  für eine gewisse Bereithaltungsdauer. (Und warum sollte die zu\n  erwartende Lebensdauer einer elektrischen Zahlbürste nicht auf 30\n  Jahre angesetzt werden!?) Eine weitere Verpflichtung wäre es, dass\n  der Preis für ein Ersatzteil die Kosten der laufenden Produktion\n  (ohne Lagerhaltung, etc.) widerspiegeln muss.\n- Internalisierung externer Kosten: Die wahren Kosten eines\n  umfassenden Rohstoffrecyclings müssen vom Herstellung und/oder\n  Kunden getragen werden.\n\nDie Verantwortung zu nachhaltigem Handeln liegt aktuell primär in den\nHänden der (schon reichlich überforderten) Verbraucher.\n\n\n* König Kunde: Kaiser ohne Kleider?\n\nOb ein nachhaltiger Ansatz gelingen kann entscheidet sich an Fragen\nwie dieser: Was verschafft mehr Befriedigung, sein altes Gerät zur\nReparatur zu bringen oder sich ein neues auszusuchen?\n\nVom Mainstream her gedacht natürlich letzteres. Wer sein Gerät\nreparieren will rechnet schon mit hohen Kosten für Ersatzteile und\nArbeitsleistung -- und ist auch nicht überrascht zu hören dass es\nnicht reparierbar ist. Die Suche nach einem (seriösen)\nReparaturbetrieb raubt Zeit und Nerven und die endgültigen Kosten\nstehen erst nach der Reparatur fest. Reparieren hat also einen\npotentiell recht hohen Frustrationsfaktor in der heutigen\nWelt. Dagegen ist der Kauf von etwas neuem, schönerem und besserem\nschon inhärent befriedigend -- kaufen macht gute Laune!\n\nAber in der Kapitalismus-Idylle des Mainstream zeigen sich Risse. Die\nimmer schnelleren Produktzyklen (in allen Bereichen, von der\nPrimark-Wegwerfmode bis zu IKEA-Möbeln) überfordern manchen\nKonsumenten, da laufend Zeit und Energie in Kaufentscheidungen\ngesteckt werden muss -- und am Schluss das nagende Gefühl bleibt doch\ndie falsche Entscheidung getroffen zu haben. Von diesen Phänomenen\nscheinen vor allem \"Maximizer-\", weniger \"Satisficer\"-Typen, betroffen\nzu sein ([[https://en.wikipedia.org/wiki/The_Paradox_of_Choice][Barry Swartz]]).\n\nAbseits vom Mainstream gibt es aber auch ein (vielleicht nicht so\nkleines!?) Segment von Kunden, die es für ihren persönlichen\nLebensentwurf als stimmiger empfinden ein Produkt möglichst lange zu\nbenutzen und dann auch reparieren zu lassen. Dieses Segment gilt es\nfür den neuen Ansatz zu gewinnen. Hoffnung dass dies gelingen könnte\nsind bereits (erfolgreich?) operierende Unternehmen, die sich auf ein\nbestimmtes Nischenthema fokussieren wie Fairphone (Nachhaltigkeit) und\nPurism (Offenheit und Privatsphäre).\n\n\n* Blaupause: white4good\n\nWie könnte nun ein neu gedachtes \"Ökosystem\" um Haushaltsgeräte\naussehen? Im folgenden sollen hierzu einige hoffentlich prägnante\nAnsätze skizziert werden, nennen wir dieses Ökosystem bzw. diese\nBlaupause \"white4good\".\n\nUm die folgenden Überlegen etwas greifbarer auszugestalten, wird im\nfolgenden von einem konkreten Produkt ausgegangen: ein\nStaubsauger. Auch wenn dieses Produkt nicht sonderlich \"sexy\" ist\nwerden davon in Deutschland jährlich mehr als 6 Millionen Stück\nverkauft.\n\nWenn man sich nur das Endprodukt anschaut -- den Herstellungsprozess\naußen vor gelassen -- dann sollte ein white4good Staubsauger\nidealerweise mindestens diese Eigenschaften haben:\n- Langlebigkeit: Bauteile sollten lange halten und das Produkt selbst\n  keine funktionelle/psychische Obsoleszenz aufweisen.\n- Ressourcenschonend: Bauteile mit möglichst wenig Material, wenig oder\n  keine Verbrauchtsteile (Staubbeutel, Filter), stromsparend im\n  Betrieb.\n- Modular: Das Gerät besteht aus Bauteilgruppen die leicht\n  austauschbar und erweiterbar (upgradable) sind (z.B. effizientere\n  Motorsteuerung oder leistungsfähigerer Motor, Aufrüstung auf\n  Internet der Dinge). Im besten Fall sind Bauteile und Module auch\n  zwischen verschiedenen Staubsaugervarianten austauschbar\n  (vgl. Software-Produktlinie).\n- Reparierbar: Leicht zerlegbar in seine Bauteile, einfache und\n  kostengünstige Beschaffung von Ersatzteilen, leichte\n  Funktionsprüfung von Bauteilen (insbesondere\n  Elektronik). Desweiteren können Schaltungen mit klar\n  gekennzeichneten Messpunkten ausgestatten sein und eine\n  USB-Schnittstelle mit Diagnose-Software besitzen um die Fehlersuche\n  zu erleichtern.\n\nAllerdings, nur in (isolierten) Produkten bzw. Produkteigenschaften zu\ndenken, reicht nicht aus! Sich white4good als traditionellen\nHersteller zu denken ist nicht besonders zielführend, schon deshalb da\ngewaltige Investitionskosten für die Entwicklung und Herstellung\nbeschafft werden müssten -- mit entsprechenden Erwartungen der\nInvestoren. Die traditionelle Sichtweise führt zu einem\n\"Top-Down\"-Ansatz bei dem es als \"Stakeholder\" nur den (entmündigten)\nEndkunden gibt. Die Open-Source Bewegung hat gezeigt, dass es möglich\nist die Potentiale der Crowd zu nutzen. Wo es bei proprietärer\nSoftware nur den Endkunden gibt, sind bei Open-Source Projekten\nDesigner, Programmierer, Grafiker, Autoren, Übersetzer, Bug-Fixer,\nAcessibility-Experten, usw. zu finden -- kurz gesagt, \"everyone\ncontributes\" ([[https://ben.balter.com/2013/08/11/everyone-contributes/][Balter]]). (Wobei dies bei vielen Open-Source Projekten\nein stark idealisiertes Bild darstellt.)\n\nWie schon Eingangs erwähnt, ist maximale Transparenz und Offenheit\n(Open*) ein Leitmotiv, das sich auf alle Bereiche erstreckt: Open\nSource von Entwicklungswerkzeugen, Firmware, CAD-Modellen,\nSchaltplänen, Gebrauchanleitungen, (Video-)Reparaturanleitungen,\nusw. Dabei soll nicht das Rad neu erfunden werden sondern existierende\noffene Ressourcen bei Software und Hardware genutzt werden. Für\nHardware-Prototyping bietet beispielsweise Arduino in sich schon ein\noffenes Ökosystem.\n\nManche Startups folgen dem Ansatz (teil-)offene Ökosystem zu schaffen\nbzw. zu ermöglichen. Der Elektroautohersteller Sono Motors (mit\naktuell fast 7000 Vorbestellungen seines Sion-Modells) hat ein\nReparatur-Konzept, das kostengünstige und eigene Reparaturen durch ein\noffengelegtes Werkstatthandbuch und keine Werkstattlizenzen\nermöglichen soll. Ersatzteile können vom Endverbraucher direkt beim\nHersteller bezogen werden und der Käufer wird darauf hingewiesen falls\nes sich um einen Standardartikel handelt, der auch im Bau/Fachmarkt\ngekauft werden kann. Der Hersteller bietet auch \"alle CAD Daten online\nkostenfrei an, sodass du sie dir selbst mit einem 3D Drucker drucken\nkannst oder aber in einem Shop mit CNC Milling\" ([[https://sonomotors.com/de/frequently-asked-questions.html/][Sono Motors]]).\n\nAuch bei white4good sind CAD-Modelle offen. Bei kleineren\nPlastikteilen ist damit heute denkbar, dass der Endkunde (1) sich das\nTeil mit dem eigenen 3D-Drucker herstellt, (2) zu einem 3D-Druckshop\nin seiner Umgebung geht, oder (3) sich das Teil auf der\nwhite4good-Verkaufsplattform bestellt. Letztere Option geht in\nRichtung Plattformökonomie -- die genossenschaftlich gestaltet werden\nkönnte ([[https://www.postwachstum.de/genossenschaften-erobert-die-plattformoekonomie-20171102][Blog Postwachstum]]). Auf der Plattform lassen sich nicht nur\ndie \"Original\" white4good-Teile finden, sondern auch konkurrierende\nAngebote von anderen Herstellern. Falls ein Markt dafür einstehen\nsollte, ist es denkbar, dass ein professioneller Drittanbieter Teile\nmit hoher Stückzahl durch Skaleneffekte sehr kostengünstig anbietet\n(z.B. durch Wechsel der Technologie von 3D-Druck auf\nSpritzguss). Damit würde ein offener Markt entstehen mit durch\nMarktkräften \"richtig\" bepreisten Ersatzteilen.\n\nFür Reparaturen ist denkbar, dass die white4good-Plattform Angebote\nverschiedener Reparaturdienstleistungen enthält, von privaten bis\nprofessionellen, von lokalen bis überregionalen Angeboten. Auch\nkostenlose Angebote von Repair-Cafes lassen sich dort finden. Somit\nhätte der Endkunde ein breites Spektrum von Reparaturangeboten,\nangefangen bei eigenen Diagnose- und Reparaturversuchen.\n\nDas white4good Ökosystem würde also aus verschiedenen Stakeholder\nbestehen. Neben dem Endkunden/Benutzer sind Dienstleister in den\nBereichen Verkauf, Reparatur und Recycling, Teileproduzenten\nverschiedener Skalierung und Angebote zur Personalisierung und\nSpezialisierung erwünscht -- wobei diese Stakeholder nicht a priori\ndefiniert sind, sondern sich dynamisch herausbilden. Die Stakeholder\nnutzen die white4good Plattform (zur Kollaboration und als\nMarktplatz), wobei sich innovative Ansätze (mit eigenem\nGeschäftsmodell) an die Plattform andocken können. Die Plattform und\nwhite4good würden konsequenterweise weitestgehen als \"open business\"\n([[https://en.wikipedia.org/wiki/Open_business][Wikipedia]]) realisiert.\n\nDie Kernentwicklung der Haushaltsgeräte würde dem Ansatz von Open\nSource Hardware/Software folgen. Dadurch ist Innovation innerhalb von\nwhite4good gewährleistet, wobei diese durch maximale Transparenz von\nwhite4good auch außerhalb stattfinden kann. Dieser letzte Aspekt\nbedeutet, dass sich white4good bei den Stakeholder fortlaufend\nbewähren muss, sonst wird sich durch \"forking\" eine\nwhite4good-Weiterentwicklung herausbilden.\n\nEin Beispiel wie sich Markt, Innovation und Ökosystem bei Open\nHardware realisieren können ist Arduino und SparkFun\nElektronics. SparkFun dockt sich an das Arduino Ökosystem an und\nbietet Eigenentwicklungen von Arduino-kompatible Produkten mit\nspeziellen Merkmalen an. In TED-Talks beschreibt der Gründer von\nSparkFun, Nathan Seidle, wie verschiedene Anbieter gegenseitig\nInnovationen nützen um das Ökosystem voranzubringen. (Ein\nSparkFun-Produkt wird nach 3 Monaten kopiert, daher ist fortlaufendes\nInnovieren nötig.) Gegenseite Innovation wird durch Copyleft-Lizenzen\n(Creative Commons Share-Alike, GPL) sichergestellt, die verlangen,\ndass Weiterentwicklungen wieder unter Copyleft-Lizenz gestellt werden\nmüssen. Entsprechend würde white4good mit Copyleft-Lizenz arbeiten\ndamit Innovationen nicht \"privatisiert\" werden können.\n\nZusammenfassend, statt eines proprietären Ansätzen hat white4good\nOpen*, Ökosystem und Plattformökonomie als Merkmale. Der Anspruch von\nwhite4good ist deń DIY-affine Endkunde zu erreichen, ebenso aber auch\nEndkunden ohne technisches Interesse, die aber an den\nNachhaltigkeitsaspekten interessiert sind.\n\n\n* Makellos weiß?\n\nBei white4good ist sicher noch nicht alles bis zum Ende durchdacht und\nnicht alle Themen beleuchtet. Auch white4good ist Trade-offs\nunterworfen die zu einem suboptimalem nachhaltigen Produkt führen. In\nwie weit diese Trade-offs dazu führen können Keile zwischen\nStakeholder zu treiben ist schwer voraus zu sagen. Im folgenden einige\nAspekte:\n\n- Refuse: Das nachhaltiges Haushaltsgeräte ist eines, das erst gar\n  nicht produziert werden muss. (Bea Johnsons \"5R\" möchten in dieser\n  Reihenfolge angewandt werden: Refuse-Reduce-Reuse-Recycle-Rot.) Vor\n  diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob es bei white4good eine\n  Elektrozahnbürste geben sollte wo doch eine kompostierbare\n  Zahnbürsten aus Bambus als die bessere Alternative erscheint.\n\n- Refurbishing, Recycling, Crade-to-Cradle: Wie für jedes nachhaltige\n  Produkt müssen für diese Themen Strategien entwickelt\n  werden. Insbesondere beim Refurbishing bieten sich Chancen, denn\n  bereits produzierte Teile/Produkte die direkt oder nach Reparatur\n  wiederverwendbar sind versprechen eine gute Umweltbilanz. Auch\n  können Altgeräte zurückgekauft werden.\n\n- Trade-offs bei Produktmerkmalen: Ein Produkt nachhaltiger zu\n  gestalten kann dazu führen, dass es andere Qualitäten einbüßt, die\n  manchen Endkunden wichtig sind. Ein modular aufgebauter Staubsauger\n  ist eher schwerer und klobiger als ein \"normaler\"\n  Staubsauger. Dieser Effekt zeigt sich um Beispiel auch beim\n  Fairphone, das nicht so schön flach ist und etwas klobig wirkt. Ein\n  Staubsauger, der mit geringen Mittel von Null auf neu entwickelt\n  wird, kann es schwer haben die Effizient eines Markenherstellers zu\n  erreichen. Somit kann es durchaus sein, dass die (angedachte)\n  Umweltbilanz des Staubsaugers überzeugt, er aber nur eine eher\n  schlechte Energieeffizienzklasse hat.\n\n- Rechtliche Erfordernisse: Es ist nicht klar in wie weit rechtliche\n  Erfordernisse den white4good Ansatz erschweren. Der Anbieter\n  relumity realisiert eine modulare, reparierbare LED Lampe. Im\n  Startnext-Blog wird eine Projektverzögerung damit begründet, dass im\n  Gesetz über das Inverkehrbringen von Elektroprodukten \"nicht\n  vorgesehen und uns erst seit ein paar Wochen bewusst, ist das\n  Reparieren und Weiterverwenden der Produkte oder Teile... Unser\n  Produkt ist bisher 'nicht vorgesehen'\" ([[https://www.startnext.com/relumityled/blog/beitrag/die-letzten-huerden-p73571.html#pnav][Startnext]]).\n\n- Geschäftsmodell: Der white4good Ansatz ist nicht gewinnorientiert,\n  schließt aber Gewinne nicht aus. Gewinne sind auch in soweit nötig\n  und erwünscht um white4good am Leben zu erhalten. Ob white4good\n  lebensfähig ist kann nur eine praktische Umsetzung zeigen, die sich\n  dann auch intensive mit dem \"Geschäftsmodell\" auseinandersetzen\n  muss. Zum Geschäftsmodell können Leasing-Modelle gehören um Produkte\n  im white4good-Verwertungskreislauf zu halten (anstatt den Kreislauf\n  als Elektroschrott oder gar Restmüll zu verlassen).\n","original_language":"deu","persons":["Holger Kienle"],"tags":["bub2018","174","Alternatives 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